FUTURE PERSPECTIVES

»Die Allnighter-Kultur bei Young Professionals wird es in Zukunft nicht mehr geben«


In unserer Interviewreihe FUTURE PERSPECTIVES stellen wir Unternehmer*innen und anderen spannenden Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Bereichen und Branchen 11 Fragen zur Zukunft.

In dieser Ausgabe sprechen wir mit Dr. Natalie Tillack, Chief Commercial Officer bei Reasonal. Das Berliner Start-up widmet sich der “Future of Work” und erfindet das Dateien- und Wissensmanagement für Unternehmen neu, indem es mittels Machine Learning Kollaboration an Dateien effizient macht und Nutzer:innen eine personalisierte Oberfläche zum Strukturieren ihrer Arbeitsdateien bietet. Die ehemalige Unternehmensberaterin hat einen PhD in Physik von der University of Oxford und ist außerdem als Angel Investorin tätig.

(1) Eine Sache, die in Zukunft unbedingt erfunden werden muss?

Ein richtig guter Virtual (non-human) Assistant, dem man Zugriff auf alles geben kann, er Züge buchen kann, meine Rechnung bezahlen kann und sie dann meiner Steuererklärung hinzufügen kann, offene Claims im Blick hält – und vielleicht koordinieren kann, wenn mal physisch ein Schlüssel übergeben werden muss oder das Fahrrad von der Werkstatt abgeholt werden muss. Man kann ja träumen.

(2) Eine Person, von der du viel über Zukunft gelernt hast?

  1. Pema Chödrön & Sakyong Mipham für Spiritualität und das “Hier und Jetzt”
  2. Ray Dalio & Richard Branson für Business und unsere Ambitionen

(3) Ein gesellschaftlicher Missstand, der sich in Zukunft unbedingt verändern muss?

Dass der Großteil der Deutschen nicht investiert. Eine gewisse Skepsis ist natürlich gesund und man sollte auch vorbereitet in den Kapitalmarkt reinspringen. Aber wir erarbeiten uns unser Erspartes erst mühsam, um es dann auf Tagesgeldkonten (oder sogar unter dem Kopfkissen) an Wert verlieren zu lassen – wohingegen es relativ sicher und gut noch ein paar Prozente pro Jahr steigen könnte. Finanzen werden uns nicht beigebracht und so ist es das Höchste der Gefühle, eine Immobilie zu kaufen oder sich beim Bankberater ein Zinsprodukt zuzulegen. Kryptowährungen haben den Blick der jungen Generation ein wenig verändert, aber ich wünsche mir, dass in Zukunft besser und eigenverantwortlicher mit den eigenen Finanzen umgegangen wird.

(4) Was wird es in Zukunft nicht mehr geben?

Drucker, Ordnerstrukturen (auch digitale), Flugreisen für einstündige Meetings, Diversity-Quoten (weil wir die Quoten erfüllt haben werden und ein gesunder, nachhaltiger Zyklus in der Workforce entstanden ist) und Allnighter-Kulturen bei Young Professionals.

(5) Was wird in Zukunft ganz groß werden?

Die Optimierung von Body, Mind und Work. Dadurch, dass wir immer genauer hinschauen, was uns Energie gibt oder kostet, stellen wir fest, was uns produktiv macht und wann wir uns wohlfühlen: Ob es vegane Ernährung oder der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten ist; Meditation, Journaling, oder Gratitude; oder aber neue Work-Tools, Outsourcing oder Automatisierungen.

(6) Wie werden wir in Zukunft arbeiten?

Es wird einen Shift geben, wie wir arbeiten und kollaborieren. 

Künstliche Intelligenz at scale ist schon in vielen Industrien etabliert und wird Hand in Hand mit menschlichen Fähigkeiten genutzt, vom Gesundheitswesen (Diagnosen) über Einzelhandel (Stocking/Assortment) bis hin zur Finanzwelt (automatisierte Investments). 

Diese Entwicklungen werden sich auch in unseren Work-Tools wiederfinden. In den letzten Jahren hat sich viel getan, der große Trend ging Richtung Kollaboration (Shared To-Dos, Shared CRMs, Shared Drives). Der nächste Schritt wird Richtung Automatisierung gehen. Wir haben keine Lust mehr Dateien in Ordnern zu strukturieren, um sie nachher zu suchen, Links zu verlieren, Versionskonflikte auszudiskutieren oder Aufgaben in separate Kanban-Boards zu übertragen. 

Wir können unser eigenes Tool schon nicht mehr aus unserem Team bei Reasonal wegdenken und ich glaube, dass immer mehr Teams von automatisierten Lösungen profitieren werden.

(7) Wo bist du in deinem Job mit Zukunft konfrontiert?

Ständig – wir arbeiten an der “Future of Work” und wollen die Grenzen des Status Quo erweitern. Da stelle ich mir oft die Frage, wie “bereit” die Gesellschaft für AI-Unterstützung in ihrem tagtäglichen Leben ist, wie kollaborativ verschiedene Work-Tools noch werden und ob es eher eine Konsolidierung von Programmen, Tools und Workflows gibt oder eine Fragmentierung.

(8) Welche individuellen Fähigkeiten werden in Zukunft entscheidend sein?

Anpassbarkeit und Flexibilität werden Fachwissen ergänzen. Eine der bedeutendsten Charakteristiken unserer Zeit ist die Schnelligkeit, mit der wir Innovation betreiben und Fortschritt machen. Da ist es unglaublich wichtig aufgeschlossen und lernbereit zu bleiben und nicht stehen zu bleiben.

(9) Was wird in Zukunft die wertvollste Ressource für Unternehmen sein?

Talent: Mitarbeitern ist es immer wichtiger, in ihrem Job auch Erfüllung zu finden. Ob das heißt in einer Industrie zu arbeiten, die einem liegt, oder seine persönlichen Antriebe (Autonomy, Purpose, Mastery, Belonging) bedient zu haben – die Ansprüche an einen Beruf werden immer größer. Gepaart mit der Tatsache, dass Jobs schnell gewechselt werden können (und wir durch Remote Work Zugang zu einem weltweiten Pool an Stellen bekommen haben), müssen sich Unternehmen darüber bewusst sein, ihr Team zu kennen, zu fördern und zu pflegen. 

(10) Was bedeutet Zukunft für dich ganz persönlich?

Verantwortung für sich und seine Umgebung zu übernehmen. Auf persönlicher Seite ist es vor allem Unabhängigkeit, aber im weiteren Sinne auch das Wissen, dass wir nicht alleine sind und Verantwortung für unser Umfeld und unsere Umwelt übernehmen.

(11) Was würdest du deinem 20-jährigen Ich raten?

Öfter zu reflektieren! Wenn man das “Why”, “What” und “How” von typischen Unternehmensstrategien auch auf das eigene Leben anwendet, kann man Entscheidungen einfacher priorisieren, einen neuen Weg antreten und ist weniger gelenkt von äußeren Gegebenheiten. Also: Ein Journal oder Tagebuch schreiben, sich eigene Prinzipien setzen, ein eigenes Mission Statement aufstellen und immer wieder iterieren.

 

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