FUTURE PERSPECTIVES

»Psychische Krankheiten werden noch immer stigmatisiert«


In unserer Interviewreihe FUTURE PERSPECTIVES stellen wir Unternehmer:innen und anderen spannenden Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Bereichen und Branchen 11 Fragen zur Zukunft.

In dieser Ausgabe sprechen wir mit Philip Ihde, Co-Founder und Chief Operating Officer bei HelloBetter. Das Digital Health Startup bietet psychologische Online-Trainings zur PrÀvention und Behandlung psychischer Erkrankungen wie etwa Depression, aber auch bei Stress, Schlafstörungen, Angst und Panik oder chronischen Schmerzen an.

(1) Eine Sache, die in Zukunft unbedingt erfunden werden muss?

Ich blicke natĂŒrlich auf die Gesundheitsbranche und hier ist fĂŒr mich der Traum die vollumfĂ€nglich individualisierte Medizin. Das geht dann von der frĂŒhzeitigen Diagnose, z.B. durch die Analyse von Biomarkern, ĂŒber passgenaue PrĂ€ventionsmaßnahmen bis hin zur individualisierten Behandlung. In meinem beruflichen Kontext wĂ€re das die digitalisierte und individuelle Psychotherapie, die mich als Person da abholt, wo ich stehe, und mir die Inhalte und Formate zur VerfĂŒgung stellt, die ich brauche, damit ich mich besser fĂŒhle. Damit wĂŒrden wir auch einem wesentliches Problem bei der Behandlung von psychischen Störungen begegnen: dem krassen Zeitverzug zwischen den ersten Symptomen und einer wie auch immer gearteten Form der Behandlung. Wir sprechen da von durchschnittlich sechs bis acht Jahren.

(2) Eine Person, von der du viel ĂŒber Zukunft gelernt hast?

Schwierige Frage, ich versuche sie mal auf zwei Ebenen zu beantworten: Im Großen finde ich Yuval Noah Harari mit seinem Buch »Homo Deus« sehr faszinierend, weil er mir auf der Metaebene ganz neue Perspektiven eröffnet hat. In Kleinen, also der Gesundheitsbranche, finde ich meinen MitgrĂŒnder David Ebert inspirierend, weil er seit 10 Jahren extrem innovative DenkansĂ€tze verfolgt und der Frage nachgeht, wie man Patient:innen durch Kombination digitaler und physischer Formate helfen kann.

(3) Ein gesellschaftlicher Missstand, der sich in Zukunft unbedingt verÀndern muss?

Wir stellen fest, dass weiterhin eine krasse Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen existiert – sowohl bei Arbeitgebern als auch im privaten Umfeld. Die ganzheitliche Betrachtungsweise des Menschen und seines Gesundheitszustandes findet nicht statt: Wenn sich jemand sein/ihr Bein gebrochen hat, ist das ganz normal und kein Problem. Wenn es aber um den Umgang mit Stress oder depressiven Stimmungen geht, findet das auf einer ganz anderen Ebene statt. Uns allen wĂ€re geholfen, wenn wir hier zu einer offeneren und entstigmatisierten Diskussion kommen, die klar die Krankheit benennt und dementsprechend behandelnde und prĂ€ventive Maßnahmen einschließt.

(4) Was wird es in Zukunft nicht mehr geben?

Meine Hoffnung ist, dass in Zukunft die InformationslĂŒcken zwischen behandelnden Parteien geschlossen werden. Aktuell gibt es kaum einen datenschutzkonformen Weg, wie z. B. Arzt und Psychotherapeut Patienteninformationen austauschen können. Das behindert natĂŒrlich die ganzheitliche Betreuung und auch das individuelle VerstĂ€ndnis fĂŒr die Patient:innen.

(5) Was wird in Zukunft ganz groß werden?

Wir stehen in Deutschland zwar noch komplett am Anfang, aber in Zukunft wird die digitale User Experience fĂŒr Patient:innen extrem an Bedeutung gewinnen. Im Moment sind wir mit einzelnen digitalisierten Touchpoints noch sehr punktuell aufgestellt. In Zukunft wird aber hoffentlich der Begriff Digital Health komplett verschwinden, weil es dann nur noch Health gibt – und zwar digital und patientenzentriert. Wir bei HelloBetter profitieren extrem davon, dass Kolleg:innen aus anderen Branchen und Tech-Domains, die hier schon deutlich weiter sind, zu uns kommen und ihre Erfahrungen mit dem Wissen unserer Forscher:innen und Mediziner:innen zusammenbringen. 

(6) Wie werden wir in Zukunft arbeiten?

Ich erwarte sowohl eine weitere Flexibilisierung der Arbeitswelt als auch eine weitere Fokussierung auf bestimmte Bereiche. Heißt konkret: Das projektbasierte Zusammenkommen und Arbeiten von Expert:innen, auch ĂŒber Unternehmensgrenzen hinweg, wird stĂ€rker, weil das Denken in Positionen und Job-Titeln immer mehr vom Denken in Ergebnissen abgelöst wird. Gleichzeitig – und das ist der gegenlĂ€ufige Trend – beobachte ich durchaus eine RĂŒckbesinnung und ein Streben nach Sicherheit. Hier bin ich mir noch nicht sicher, was sich schlussendlich durchsetzen wird. Was hingegen klar ist: Es wird eine hybride Form der Arbeit geben aus PrĂ€senz- und Remote-Kultur – allein schon deshalb, weil wir Menschen soziale Wesen sind und das BedĂŒrfnis nach persönlicher, physischer NĂ€he und sozialer Interaktion haben.Ich habe selbst in den letzten Monaten gemerkt, wie wichtig so ein hybrides Setup ist.

(7) Wo bist du in deinem Job mit Zukunft konfrontiert?

Auf ganz vielen Ebenen und entsprechend herausfordernd ist die Frage: »Auf welchen Trend setzen wir denn?« Aus der Vielzahl von Optionen mĂŒssen wir einen roten Faden spinnen und festlegen, was die strategischen PrioritĂ€ten fĂŒr die kommenden Monate sind. Das berĂŒhrt dann alle Bereiche von der Art der Zusammenarbeit bis hin zu Investor Relations. 

(8) Welche individuellen FĂ€higkeiten werden in Zukunft entscheidend sein?

Die FÀhigkeit schnell mit VerÀnderungen umzugehen. Wir haben letztes Jahr innerhalb einer Woche unsere Zusammenarbeit komplett umgestellt und machen das seitdem. Und die Zukunft wird weiterhin von schnell eintreffenden VerÀnderungen geprÀgt sein, die wir eben nicht vorhersehen können. Damit muss ich umgehen können.

(9) Was wird in Zukunft die wertvollste Ressource fĂŒr Unternehmen sein?

Schnelle VerĂ€nderung bedeutet ja nicht, dass man nicht planen sollte und schlecht oder gar nicht kommuniziert. Als Management mĂŒssen wir jeden VerĂ€nderungsprozess kommunikativ intensiv begleiten. Du musst einen Rahmen haben und Kontext geben, in dem sich jeder zurecht finden kann. Der Kontext kann sich dann auch wieder verĂ€ndern, aber es muss jedem klar sein, was der Status quo ist. Das heißt nicht, dass die GeschĂ€ftsfĂŒhrung alles weiß und wissen muss, aber sie hat die Verantwortung fĂŒr diese Übersetzungsleistung.

(10) Was bedeutet Zukunft fĂŒr dich ganz persönlich?

Ich finde die unterschiedlichen Herangehensweisen und Auseinandersetzungen mit Zukunft extrem spannend. Ich bin begeistert, wie unser Team auf die fundamentalen VerĂ€nderungen reagiert hat und damit umgeht. Gleichzeitig geraten Organisationen und auch Einzelpersonen zunehmend  ins Straucheln, wenn es um ihre ZukunftsfĂ€higkeit geht. FĂŒr mich heißt Zukunft deshalb, offen zu sein und Lösungen zu suchen, wenn es eben mal nicht rund lĂ€uft.

(11) Was wĂŒrdest du deinem 20-jĂ€hrigen Ich raten?

Sich selbst Zeit zuzugestehen, Dinge zu lernen und nicht die Erwartung an sich selbst zu haben, alles von Anfang an perfekt zu beherrschen. Derjenige, der eine neue Aufgabe, ein neues Projekt angefangen hat, ist zum GlĂŒck immer ein anderer als derjenige am Ende einer Reise.