Lob der P√ľnktlichkeit in unzuverl√§ssigen Zeiten

Menschen gibt es nicht on demand


Netflix, Nachrichten oder Nudelgericht ‚Äď all das und noch viel mehr l√§sst sich heute on demand und 24/7 mundgerecht nutzen und konsumieren. In einer Welt, in der alles auf Knopfdruck oder Siribefehl passiert, erscheint das Verbindliche, das Bindende, immer h√§ufiger altbacken und vorgestrig. All das, was es noch nicht on demand gibt, riecht nach Disruptionspotential. Die Allverf√ľgbarkeit vom Allm√∂glichem wird zum Primat der ¬ĽIch mache was ich will, wann ich will¬ę-Gesellschaft. Der Gewinn an Alltagskomfort ist immens, doch bleiben schwerwiegende Nebenwirkungen nicht aus: Die M√∂glichkeit, alles jederzeit konsumieren zu k√∂nnen, macht aus unseren Tagen ein Tetrisspiel, in dem keine Viertelstunde ungenutzt verstreicht: Sprachnachrichten auf dem Weg zum Bus, die Netflix-Serie zum Abendessen, E-Mails auf der Toilette. Diese On-Demandisierung-of-Everything ver√§ndert nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch die Beziehungen zu unserem sozialen Umfeld: Je st√§rker on demand die Verbindlichkeit als Default Setup unseres Alltags abl√∂st, desto mehr √ľbertragen wir dies auch auf unseren Umgang mit unseren Mitmenschen, egal, ob im privaten oder beruflichen Kontext. Im Ergebnis priorisieren wir unser Termintetris in Echtzeit und degradieren die Zeit unserer Mitmenschen zu Bausteinen in einem auf Vollauslastung angelegten Kalender. Das Problem: W√§hrend etwa bei Netflix oder Uber on demand schmerzloser Teil des Deals ist, f√ľr den wir bezahlen, ist on demand im Umgang mit echten Menschen nicht ohne die Bed√ľrfnisse des oder der anderen zu denken. Die fortschreitende On-Demandisierung unseres Alltags geht so zu Lasten unserer Verl√§sslichkeit und wird sichtbar in einem ihrer st√§rksten Signifikanten: unserer P√ľnktlichkeit.

P√ľnktlichkeit ‚Äď wie sie entstand und warum ist sie wichtig

Die P√ľnktlichkeit als Kulturtechnik fand mit der Industrialisierung Eingang in die Massengesellschaft. Eine Grundbedingung daf√ľr: Die Verbreitung von Uhren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die P√ľnktlichkeit zu einem effizienten Koordinationsmechanismus der sich formierenden Industriegesellschaft. De facto ist P√ľnktlichkeit also nicht selbstverst√§ndlich, sondern ein erlerntes Konstrukt mit dem Ziel der effizienten sozialen Steuerung. Dennoch ist sie √ľber die Jahrhunderte zu einer Tugend gereift, zu mehr als einem blo√üen Matching-Mechanismus f√ľr einen m√∂glichst reibungslosen Ablauf. Ja, wir k√∂nnen heute anders als fr√ľher dank Technologie kurzfristig Verabredungen verschieben oder absagen ‚Äď wir k√∂nnen anrufen, WhatsApp-Nachrichten verschicken, Kalendereintr√§ge verschieben und so den √∂konomischen Schaden, der aus Unp√ľnktlichkeit resultiert, reduzieren. Doch Unp√ľnktlichkeit im beruflichen Kontext f√ľhrt zu weit mehr als kostspieliger Ineffizienz (Ich versp√§te mich um 10 Minuten, 10 Kollegen warten 10 Minuten, 10 Minuten kosten X Euro, Zeit ist Geld, etc. pp. ‚Äď Sie kennen das): Sie transportiert drei verheerende Botschaften: ¬†

Unp√ľnktlichkeit ist eine Respektlosigkeit

P√ľnktlichkeit ist ein Ausdruck von Respekt ‚Äď Respekt vor der anderen Person und ihrer Zeit. Unp√ľnktlichkeit erzeugt daher leicht ‚Äď und zu Recht ‚Äď ein Gef√ľhl von mangelnder Wertsch√§tzung f√ľr eine Person oder f√ľr einen Termin. Dies gilt auch f√ľr unbeabsichtigte Versp√§tungen, die einen egozentrischen Blick bzw. mangelndes Bewusstsein f√ľr die Gleichwertigkeit der Bed√ľrfnisse anderer implizieren.

Unp√ľnktlichkeit ist eine Machtdemonstration

Wer zu sp√§t zu einem Termin aufkreuzt, der macht dies allzu h√§ufig, weil er es kann. So liegt in der Unp√ľnktlichkeit eine der beliebtesten Alltagsmachtdemonstrationen der Gesch√§ftswelt. Chef l√§sst Mitarbeiter warten, gro√üer Fisch versetzt kleinen Fisch ‚Äď es braucht kaum weitere Worte, um die Kleingeistigkeit solch postpubert√§rer Spielchen zu beschreiben.¬†

Unp√ľnktlichkeit besch√§digt Vertrauen

Wer bereits im Kleinen daran scheitert, seine Termine wie verabredet wahrzunehmen, dem wird es im Gro√üen kaum gelingen, Verabredungen einzuhalten ‚Äď so die Schlussfolgerung, die Menschen aus der Unp√ľnktlichkeit ihrer Mitmenschen ziehen. Unsere P√ľnktlichkeit wird so zur Heuristik √ľber unsere Verl√§sslichkeit, sie steht im Angesicht begrenzter Informationen schnell pars pro toto f√ľr die Vertrauensw√ľrdigkeit unserer Person. Kurzum entwickelt Unp√ľnktlichkeit so enorme Fliehkr√§fte weit √ľber den eigentlichen Termin hinaus.

Der Wert der P√ľnktlichkeit

Klar ist: Wir werden immer mal wieder unp√ľnktlich sein, wir werden warten und warten gelassen. P√ľnktlichkeit ist in einem fordernden Alltag immer wieder auch eine Abw√§gung unterschiedlicher Interessen, ein fortlaufender Priorisierungsakt, der immer wieder Entt√§uschung produzieren wird. Doch wir sollten der mit der zunehmenden On-Demandisierung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen widerstehen und stattdessen die P√ľnktlichkeit wieder zum Standard unseres privaten und beruflichen Alltags erheben. Denn in dem Ma√üe, in dem Unp√ľnktlichkeit eine unsch√∂ne Machtgeste und Ausdruck von mangelndem Respekt und mangelnder Zuverl√§ssigkeit ist, so ist ihr Gegenteil ‚Äď die P√ľnktlichkeit ‚Äď in einer Welt, in der das opportune Ausnutzen von Gelegenheiten immer h√§ufiger zur Norm wird, ein wertvoller und gesch√§tzter Ausdruck von Verl√§sslichkeit. Oder in anderen Worten: ein Wettbewerbsvorteil.


Dominik Kaufmann ist Gr√ľnder und Gesch√§ftsf√ľhrer von KAUFMANN / LANGHANS. Er arbeitete zuletzt als Projektleiter f√ľr die Strategie- und Organisationsberatung undconsorten und beriet dort DAX- und TecDAX-Unternehmen bei den Themen Transformation, Agilisierung und Vertrieb. Zuvor war er als Market Manager f√ľr die Daimler AG t√§tig. Dominik ist Alumnus der Studienstiftung und Mitglied bei Mensa e.V..