Journal

Menschen gibt es nicht on demand


Lob der Pünktlichkeit in unzuverlässigen Zeiten

11 Minutes

Netflix, Nachrichten oder Nudelgericht – all das und noch viel mehr lässt sich heute on demand und 24/7 mundgerecht nutzen und konsumieren. In einer Welt, in der alles auf Knopfdruck oder Siribefehl passiert, erscheint das Verbindliche, das Bindende, immer häufiger altbacken und vorgestrig. All das, was es noch nicht on demand gibt, riecht nach Disruptionspotential. Die Allverfügbarkeit vom Allmöglichem wird zum Primat der »Ich mache was ich will, wann ich will«-Gesellschaft. Der Gewinn an Alltagskomfort ist immens, doch bleiben schwerwiegende Nebenwirkungen nicht aus: Die Möglichkeit, alles jederzeit konsumieren zu können, macht aus unseren Tagen ein Tetrisspiel, in dem keine Viertelstunde ungenutzt verstreicht: Sprachnachrichten auf dem Weg zum Bus, die Netflix-Serie zum Abendessen, E-Mails auf der Toilette. Diese On-Demandisierung-of-Everything verändert nicht nur unser eigenes Leben, sondern auch die Beziehungen zu unserem sozialen Umfeld: Je stärker on demand die Verbindlichkeit als Default Setup unseres Alltags ablöst, desto mehr übertragen wir dies auch auf unseren Umgang mit unseren Mitmenschen, egal, ob im privaten oder beruflichen Kontext. Im Ergebnis priorisieren wir unser Termintetris in Echtzeit und degradieren die Zeit unserer Mitmenschen zu Bausteinen in einem auf Vollauslastung angelegten Kalender. Das Problem: Während etwa bei Netflix oder Uber on demand schmerzloser Teil des Deals ist, für den wir bezahlen, ist on demand im Umgang mit echten Menschen nicht ohne die Bedürfnisse des oder der anderen zu denken. Die fortschreitende On-Demandisierung unseres Alltags geht so zu Lasten unserer Verlässlichkeit und wird sichtbar in einem ihrer stärksten Signifikanten: unserer Pünktlichkeit.

Pünktlichkeit  wie sie entstand und warum ist sie wichtig

Die Pünktlichkeit als Kulturtechnik fand mit der Industrialisierung Eingang in die Massengesellschaft. Eine Grundbedingung dafür: Die Verbreitung von Uhren. Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Pünktlichkeit zu einem effizienten Koordinationsmechanismus der sich formierenden Industriegesellschaft. De facto ist Pünktlichkeit also nicht selbstverständlich, sondern ein erlerntes Konstrukt mit dem Ziel der effizienten sozialen Steuerung. Dennoch ist sie über die Jahrhunderte zu einer Tugend gereift, zu mehr als einem bloßen Matching-Mechanismus für einen möglichst reibungslosen Ablauf. Ja, wir können heute anders als früher dank Technologie kurzfristig Verabredungen verschieben oder absagen – wir können anrufen, WhatsApp-Nachrichten verschicken, Kalendereinträge verschieben und so den ökonomischen Schaden, der aus Unpünktlichkeit resultiert, reduzieren. Doch Unpünktlichkeit im beruflichen Kontext führt zu weit mehr als kostspieliger Ineffizienz (Ich verspäte mich um 10 Minuten, 10 Kollegen warten 10 Minuten, 10 Minuten kosten X Euro, Zeit ist Geld, etc. pp. – Sie kennen das): Sie transportiert drei verheerende Botschaften:  

Unpünktlichkeit ist eine Respektlosigkeit

Pünktlichkeit ist ein Ausdruck von Respekt – Respekt vor der anderen Person und ihrer Zeit. Unpünktlichkeit erzeugt daher leicht – und zu Recht – ein Gefühl von mangelnder Wertschätzung für eine Person oder für einen Termin. Dies gilt auch für unbeabsichtigte Verspätungen, die einen egozentrischen Blick bzw. mangelndes Bewusstsein für die Gleichwertigkeit der Bedürfnisse anderer implizieren.

Unpünktlichkeit ist eine Machtdemonstration

Wer zu spät zu einem Termin aufkreuzt, der macht dies allzu häufig, weil er es kann. So liegt in der Unpünktlichkeit eine der beliebtesten Alltagsmachtdemonstrationen der Geschäftswelt. Chef lässt Mitarbeiter warten, großer Fisch versetzt kleinen Fisch – es braucht kaum weitere Worte, um die Kleingeistigkeit solch postpubertärer Spielchen zu beschreiben. 

Unpünktlichkeit beschädigt Vertrauen

Wer bereits im Kleinen daran scheitert, seine Termine wie verabredet wahrzunehmen, dem wird es im Großen kaum gelingen, Verabredungen einzuhalten – so die Schlussfolgerung, die Menschen aus der Unpünktlichkeit ihrer Mitmenschen ziehen. Unsere Pünktlichkeit wird so zur Heuristik über unsere Verlässlichkeit, sie steht im Angesicht begrenzter Informationen schnell pars pro toto für die Vertrauenswürdigkeit unserer Person. Kurzum entwickelt Unpünktlichkeit so enorme Fliehkräfte weit über den eigentlichen Termin hinaus.

Der Wert der Pünktlichkeit

Klar ist: Wir werden immer mal wieder unpünktlich sein, wir werden warten und warten gelassen. Pünktlichkeit ist in einem fordernden Alltag immer wieder auch eine Abwägung unterschiedlicher Interessen, ein fortlaufender Priorisierungsakt, der immer wieder Enttäuschung produzieren wird. Doch wir sollten der mit der zunehmenden On-Demandisierung unserer zwischenmenschlichen Beziehungen widerstehen und stattdessen die Pünktlichkeit wieder zum Standard unseres privaten und beruflichen Alltags erheben. Denn in dem Maße, in dem Unpünktlichkeit eine unschöne Machtgeste und Ausdruck von mangelndem Respekt und mangelnder Zuverlässigkeit ist, so ist ihr Gegenteil – die Pünktlichkeit – in einer Welt, in der das opportune Ausnutzen von Gelegenheiten immer häufiger zur Norm wird, ein wertvoller und geschätzter Ausdruck von Verlässlichkeit. Oder in anderen Worten: ein Wettbewerbsvorteil.


Dominik Kaufmann ist Gründer und Geschäftsführer von KAUFMANN / LANGHANS. Er arbeitete zuletzt als Projektleiter für die Strategie- und Organisationsberatung undconsorten und beriet dort DAX- und TecDAX-Unternehmen bei den Themen Transformation, Agilisierung und Vertrieb. Zuvor war er als Market Manager für die Daimler AG tätig. Dominik ist Alumnus der Studienstiftung und Mitglied bei Mensa e.V..