FUTURE PERSPECTIVES

»Imagination ist unsere menschliche Super Power«


Aileen Moeck, Magdalena Eder

In unserer Interviewreihe FUTURE PERSPECTIVES stellen wir Unternehmer*innen und anderen spannenden Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Bereichen und Branchen 11 Fragen zur Zukunft.

In dieser Ausgabe sprechen wir mit Magdalena Eder und Aileen Moeck, Gründerinnen des Zukunftsbauer Instituts.

(1) Eine Sache, die in Zukunft unbedingt erfunden werden muss?

Schwierige Frage. Was wollen wir und was brauchen wir wirklich? Ich denke, dass wir im Bereich der Inklusion noch einiges erfinden könnten. Ich spreche bei meiner Arbeit immer über krasse Zukunftstechnologien, aber wenn man in Berlin mal von A nach B mit Krücken, Rollstuhl oder Kinderwagen möchte, kommt man schnell an Grenzen. Wir sollten den Fokus vielleicht mal wieder auf Alltagsthemen setzen und hier innovativ sein.

(2) Eine Person, von der du viel über Zukunft gelernt hast?

Ich bin großer Fan von den Gedanken von Erich Fromm und Hannah Arendt. Aber auch von Hermann Hesse lernt man einiges über Zukunft. Warum? Weil sie schon lange vor der Digitalisierung über Themen sprechen, die uns auch heute bewegen – nur jetzt in einem dringlicheren Ausmaß. Geht es also um Zukunftsgestaltung und darum, wie wir eine zukunftsfähige Gesellschaft bauen wollen, dann lohnt sich manchmal ein Blick in die Vergangenheit oder auf weise Worte von erfahrenen Menschen. Ansonsten habe ich viel von Alvin Toffler, Robert Jungk und meinem Professor Gerhard De Haan zur Zukunft gelernt.

(3) Ein gesellschaftlicher Missstand, der sich in Zukunft unbedingt verändern muss?

Der Zugang zu Innovation und Gründung. Diese Themen hängen aktuell noch viel zu stark davon ab, aus welchem Background du kommst. Allein, dass viele (vor allem staatliche) Zuschüsse oder Gründerstipendien an Hochschulen geknüpft sind, finde ich frech und nicht fair. Warum ermöglichen wir das nicht allen? Immer wieder höre ich zudem, dass Visionsdenken ja schön, aber leider auch total privilegiert ist. Das darf es aber nicht sein. Imagination ist unsere menschliche Super Power – doch aktuell wird sie von nur wenigen Menschen in der Welt ausgespielt.

(4) Was wird es in Zukunft nicht mehr geben? 

Ich stelle keine Prognosen auf. Das eine Produkt fällt mir da auch nicht ein. Ich frage mich eher, welche Verhaltensweisen wir in 10 bis 20 Jahren nicht mehr sehen werden und dann sagen: Wow, weißt du noch 2020, da hat man das so und so gemacht. Das finde ich viel spannender. Zum Beispiel wird es vielleicht normal sein, dass es keinen Müll mehr gibt, weil wir die Kreislaufwirtschaft voll und ganz leben. In einem unserer Workshops kam mal das Berufsbild des Geschlechter-Archäologen für das Jahr 2070 heraus – auch eine spannende Idee. Dieser erkundet dann, warum wir 2020 noch so etwas wie Geschlechterrollen kannten.

(5) Was wird in Zukunft ganz groß werden?

Ich denke, das große Thema ist Mobilität. Denn Mobilität heißt Freiheit und das Bedürfnis nach Freiheit steigt mit dem Wohlstand und Fortschritt. Klar, jetzt gerade ist Reisen ein schwieriges Thema in der Pandemie. Ich bin auch dafür, das eigene Reiseverhalten mit Verantwortung in Einklang zu bringen. Die Klimakrise verlangt einfach nach Reduktion und Kompromissen. Ich fürchte aber, dass Mobilität etwas so tief menschliches ist – in Bewegung sein, erkunden und erfahren –, dass ein Verbot nicht die langfristige Lösung ist. Die Frage ist zudem, wie wir es schaffen, Reisen nachhaltig zu gestalten, wenn in ein paar Jahren nicht mehr nur die Industrieländer das Bedürfnis nach mehr Mobilität verspüren, sondern auch andere Länder, in denen der Wohlstand wächst: Wie bringt man das mit dem Planeten zusammen?

(6) Wie werden wir in Zukunft arbeiten?

Ich hoffe, dass der Mensch wieder mehr versteht: Arbeit heißt schöpferisch aktiv zu sein und das zu leben. Da geht es gar nicht um New Work und das Wie, sondern eher das Was. Ich möchte, dass sich Arbeit aus Gedankenkonstrukten wie Beschäftigung oder Wertschöpfung und Dienstleistung löst und stattdessen neue Narrative entstehen mit Worten wie Mission, sinnstiftend, gemeinsam, flexibel.

(7) Wo bist du in deinem Job mit Zukunft konfrontiert?

Haha, jeden Tag und überall – als Zukunftsforscherin und als jemand, der andere Menschen für Zukunftsgestaltung begeistert und zeigt, wie man aktiv wünschbare Welten gestalten kann.

(8) Welche individuellen Fähigkeiten werden in Zukunft entscheidend sein?

Wir sprechen selten von Fähigkeiten, sondern eher von einer Haltung für das 21. Jahrhundert. Dazu gehört es zum Beispiel, offen, neugierig, mutig, systemisch denkend, vorausschauend, kritisch, selbstbewusst, visionär denkend und aktiv zu sein. In der Bildung sprechen alle von den digitalen Skills als Zukunftskompetenz. Ja, das ist wichtig und programmieren sollte ein Teil des Curriculums sein, aber wichtiger ist die Haltung. Dass Menschen in der Lage sind mit Veränderung und Komplexität positiv umzugehen. Meine Wildcard ist da gern: Was, wenn in vier Jahren alle Server ausfallen? Dann brauchen wir keine digitalen Skills, sondern dann müssen wir wissen, wie man in der Natur überlebt. Klar, das ist ein unwahrscheinliches Szenario. Es soll aber zeigen, dass es eben darum geht, die Fähigkeiten zu haben, mit denen wir durch die Welt navigieren und sie mitgestalten können.

(9) Was wird in Zukunft die wertvollste Ressource für Unternehmen sein?

Der Mensch, also die Menschen, die die Mission des Unternehmens mit ihrer Energie vorantreiben. Du kannst alles ersetzen oder effizienter machen. Aber die richtige Kombination eines Teams und Menschen mit ihrem Potential – das gibt es nur einmal. Das muss man fördern.

(10) Was bedeutet Zukunft für dich ganz persönlich?

Eine große grüne Wiese, die wir bepflanzen können.

(11) Was würdest du deinem 20-jährigen Ich raten?

Mehr Entspannung und Leichtigkeit. In der Schule wurde einem die Erwachsenenwelt immer als ganz wichtig verkauft: alles ist dringlich, ohne Erfolg geht nichts, deshalb muss man sich anstrengen. Diese Anstrengung aber hat uns in eine Welt geführt, in der wir uns immer mehr entfremden und die so beschleunigt ist, dass manch einer sich total verloren fühlt. Das kann es doch nicht sein, oder? Ich zitiere hier mal aus Sofies Welt:

„Bist du ein Kind, das sich an die Welt noch nicht gewöhnt hat, oder bist du ein Philosoph, der beschwören kann, dass ihm das nie passieren wird? Wenn du dich weder als Kind, noch als Philosoph fühlst, dann liegt es daran, dass du dich in der Welt so gut eingelebt hast, dass sie dich nicht mehr überrascht. In diesem Fall ist Gefahr im Verzug. Ich will, dass du ein waches Leben lebst.“

Wie verschieben sich Wert und Wertschöpfung im digitalen Zeitalter? Was bedeutet der Wandel für mein Unternehmen, meinen Job und mich? Und was ist sonst noch wichtig. Wir behalten für Sie den Überblick: In unserem monatlichen Newsletter kuratieren wir ausgewählte Inhalte, ordnen übergeordnete Veränderungen verständlich ein und teilen unsere Perspektiven auf aktuelle Herausforderungen. Melden Sie sich jetzt für unser FUTURE BRIEFING an.


Nils Langhans ist Gründer und Geschäftsführer von KAUFMANN / LANGHANS. Er arbeitete zuletzt als selbstständiger Kommunikationsberater für Startups aus den Bereichen AI, Blockchain und FinTech. Zuvor war er unter anderem für die strategischen Kommunikationsberatungen Hering Schuppener und CNC sowie für den ehemaligen Obama-Berater Julius van de Laar tätig. Nils ist Alumnus der Studienstiftung, Mitglied bei Mensa e.V. und wurde 2018 vom PR Report in das 30-unter-30-Ranking gewählt.